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Zeugen der Anklage

By Michael Maisch - published on 14/10/09 in Handelsblatt

Auch nach knapp zwei Stunden intensiver Aufklärungsarbeit steht Theaterautor David Hare noch etwas verloren auf der Bühne des Londoner National Theatres. So richtig verstanden hat er noch immer nicht, wie es denn am Ende zur großen Finanzkrise hatte kommen können. Wer hat denn jetzt wirklich Schuld an der Katastrophe, für die wir alle den Preis bezahlen - die gierigen Banker, die fahrlässigen Politiker oder die eitlen Wissenschaftler, die uns mit ihren mathematischen Modellen eine berechenbare Finanzwelt vorgaukelten?

Dabei hat Hare doch quasi alle, die es wissen müssten, auf die Bühne zitiert: Vom Hedge-Fonds-Milliardär George Soros über den Wirtschaftsnobelpreisträger Myron Scholes bis hin zum ehemaligen Chef der britischen Finanzaufsicht FSA, Howard Davies.

Das National Theatre versteht seine Aufgabe tatsächlich darin, Probleme auf die Bühne zu bringen, die die Nation bewegen. Und deshalb hat Intendant Nicholas Hytner dem Dramatiker Hare den Auftrag gegeben, sich auf die Suche nach dem Epizentrum des großen Bebens zu machen, das die Weltwirtschaft bis in die Grundfesten erschüttert. So fand die Finanzkrise ihren Weg aus den Handelssälen und Konferenzräumen auf die Bühne. Hares Stück "The Power of Yes" dürfte der bislang ambitionierteste Versuch sein, das Drama, das sich in den vergangenen beiden Jahren an den Kapitalmärkten abspielte, ins Theater zu bringen.  

Der Dramatiker, der unter anderem den Roman "Der Vorleser" des deutschen Schriftstellers Bernhard Schlink in einen Hollywoodstreifen verwandelt hat, nahm seine Aufgabe äußerst ernst. 21 Bücher ist die Literaturliste lang, die Hare den Theaterzuschauern im Programmheft zu "The Power of Yes" ans Herz legt. Aber Hare hat sich nicht nur als Leser auf die Suche nach dem gemacht, was die Finanzwelt im Innersten zusammenhält. Er interviewte Autoren, Journalisten, Banker, Politiker, Aufseher, Vermögensverwalter, Spekulanten und Notenbanker. Die prominentesten von ihnen, wie Davies und Soros, treten jetzt von Schauspielern verkörpert im spartanischen Bühnenbild des National Theatre auf und sprechen jene Sätze, die die Original-Protagonisten der Krise Hare bei seiner monatelangen Recherche ins Mikrofon diktiert haben.

Auch der Londoner Banker und Handelsblatt-Kolumnist David Marsh gehört zu jenen, die versucht haben, Hare die Hintergründe der Finanzkrise nahezubringen. "Wie die meisten anderen Interviewpartner auch dachte ich zunächst, es geht um ein reines Hintergrundgespräch", erzählt Marsh. "Wir haben erst sehr spät erfahren, dass wir tatsächlich als Personen in dem Stück auftreten werden."  

Ob Hare seine Protagonisten absichtlich im Dunkeln über seine Absichten gelassen hat, vermag Marsh im Nachhinein nicht wirklich zu entscheiden. Weil ihm das Endprodukt so gut gefällt, interessiert ihn diese Frage auch nicht allzu sehr. Einen Grund für Verschwiegenheit hätte es aber schon gegeben, denn "The Power of Yes" funktioniert nicht wie ein klassisches Drama, sondern eher wie ein Untersuchungsausschuss. Denn die meisten Zeugen, die der Autor auf die Bühne zitiert, sind zugleich Angeklagte; jeder Versuch, zu den komplexen Ursachen der Finanzkrise vorzudringen, ist zugleich eine Verteidigungsrede.  

Howard Davies, heute Direktor der Eliteuniversität London School of Economics und früherer Chef der Finanzaufsicht FSA, behauptet, er habe schon vor Jahren geahnt, dass der lange Boom an den Kreditmärkten eines Tages in Tränen enden werde. Aber schließlich könne man ein so wichtiges Amt wie den Chefposten der FSA nicht mit den Worten "Wir sind alle dem Untergang geweiht" an seinen Nachfolger übergeben. Nobelpreisträger Myron Scholes versichert, die naiven Banker hätten seine Formeln zur Berechnung des fairen Werts von Optionen, eine der intellektuellen Grundlagen für den fatalen Boom der Kreditderivate, nur falsch verstanden. Seine Argumentation leidet allerdings etwas unter der Tatsache, dass sich Scholes in den neunziger Jahren selbst als Spekulant versucht hat. Der Kollaps des von ihm beratenen Hedge-Fonds LTCM hätte schon damals das Finanzsystem beinahe in den Abgrund gerissen.

Hare selbst spielt bei dem Ganzen die Rolle des als Intellektuellen verkleideteten Großinquisitors. Der Schauspieler Anthony Calf verkörpert auf der Bühne eine Figur, namens "der Autor", die mit scheinbar naiven Fragen versucht, die Protagonisten der Krise aus der Reserve zu locken. Doch spätestens hier wird klar, dass es doch zumindest kleine Unterschiede zwischen dem wirklichen Leben und dem Geschehen auf der Bühne gibt. Der reale Autor Hare ist mit der französischen Modedesignerin Nicole Farhi verheiratet, und die würde es nach übereinstimmender Meinung der britischen Presse niemals zulassen, dass er eine derart schäbige Kunstlederjacke trägt wie sein Alter Ego auf der Bühne.  

Einen echten Schurken kann Hare am Ende seines Stückes nicht präsentieren, dazu waren einfach zu viele zu gierig, zu viele glaubten blind an die schöne neue Welt freier und zügelloser Finanzmärkte. Eine Moral gibt Hare seinen Zuschauern aber dann doch mit auf den Weg.  

Eine der letzten Szenen des Stücks spielt in einem New Yorker Penthouse - der Autor interviewt George Soros, jenen legendären Hedge-Fonds-Manager, der sich zum Philantropen gewandelt hat. Soros erinnert sich an ein Gespräch mit Alan Greenspan, Ex-Chef der US-Notenbank und einer der Schutzheiligen des liberalen Finanzkapitalismus angelsächsischer Prägung. Der Wohlfahrtsgewinn, den freie Märkte stifteten, sei so groß, dass man den Preis bezahlen müsse, wenn die Märkte von Zeit zu Zeit kollabierten, habe Greenspan argumentiert. Soros Antwort: "Das Problem ist nur, dass die Leute die die Gewinne einstreichen, nie dieselben sind, die am Ende den Preis für den Kollaps bezahlen müssen."  

Auch Soros ahnte lange nicht, dass er als Protagonist in Hares Stück auftreten wird. Gefallen hat ihm "The Power of Yes" aber trotzdem. Er war sogar so beeindruckt, dass er in der Nacht nach der Premiere davon träumte.

Soll oder Haben - das ist hier die Frage

Wirtschaftsdramen Derzeit liefert die Welt der Wirtschaft reichlich Stoff für Theatermacher und Drehbuchautoren. Nicht nur David Hares Lehrstück "The Power of Yes" am Londoner National Theatre beschäftigt sich mit den Folgen der Wirtschaftskrise.  

Lehman Brothers Erst vor kurzem sendete die BBC ihr Fernsehspiel über die letzten Tage der 2008 kollabierten US-Investmentbank Lehman Brothers. Der Schauspieler James Cromwell verkörperte den ehemaligen amerikanischen Finanzminister Hank Paulson, der Lehman am Ende in die Pleite rutschen ließ. Die Folge war die größte Vertrauenskrise an den Finanzmärkten seit der großen Depression.  

Enron Die Dramatikerin Lucy Prebble (Foto) landete mit ihrem Stück über den Kollaps des US-Energiehändlers Enron einen Überraschungshit. Das Stück über einen der größten Skandale der amerikanischen Unternehmensgeschichte erntete nicht nur hervorragende Kritiken, sondern lief auch so erfolgreich, dass es von einem kleineren Theater in einen der Bühnenpaläste des Londoner Westends wechseln wird. Download article

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