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Zu viele haben über ihre Verhältnisse gelebt

Neue Theaterstücke in London zur Finanzkrise

By Thomas Kielinger - published on 16/10/09 in Die Welt

Die globale Finanzmarktkrise kommt in die Reife. Nicht nur, dass die Welt gelernt hat, sich auf sie einzustellen. Auch der Kulturbetrieb ist dabei, sie aufzuarbeiten - der angelsächsische, müssen wir der Deutlichkeit halber hinzufügen. Wie auch nicht - im Schoße dieser "culture" lag schließlich die Genese der gegenwärtigen Kalamität, und es kann daher nicht verwundern, dass dort auch der Wille zu künstlerischer Verarbeitung seine stärkste Motivation findet. Auf dem Filmfestival von Venedig erntete Michael Moore im vergangenen Monat mit seinem jüngsten Elaborat, "Capitalism: A Love Story" warme Zustimmung. Unter den Literaten reüssiert Sebastian Faulkes soeben mit einem neuen Roman, "A Week in December", in dem es vor lauter dekadenten Figuren nur so wimmelt.

Jetzt ist die Reihe an der Londoner Bühne, ihren Teil zur Aufarbeitung von Ahnungslosigkeit, Leichtsinn und nackter Kriminalität im globalen Finanzgeschäft beizutragen. Lucy Prebble tut das im "Royal Court Theatre" am Sloane Square mit ihrem Stück "Enron", das sich den Mega-Skandal um die Bilanzfälschungen im texanischen Energiekonzern Enron, der 2001 Amerika erschütterte, zum Thema nimmt. Sie inszeniert ihr Drama wie eine moderne Shakespeare-Variante um Learsche Verworfenheit, mit den real existierenden Enron-Protagonisten Ken Lay und Jeffrey Skilling als den zentralen Spielern um Schuld und Sühne.

Anders geht David Hare vor, Englands führender politischer Dramatiker, der 2003 Furore machte mit seinem Stück über die Vorgeschichte des Irak-Krieges, "Stuff Happens". Im National Theatre ist gerade "The Power of Yes" angelaufen, die Macht des Ja zu allem und jedem, was die Finanzmärkte an Verführungen bereit hielten und halten. Hare folgt einem didaktischen Zweck: Er möchte sich haarklein die Entstehung der finanziellen Kernschmelze vor Augen führen und das, was er bei seinen Recherchen gelernt hat, an den Zuschauer weitergeben.

Der Untertitel seines Stücks sagt alles: "Ein Dramatiker versucht, die Finanzkrise zu verstehen." Der Eingangssatz des Ganzen erhärtet diese Aussage: "Dies ist kein Stück. Es ist eine Geschichte." Wie bei einer Zwiebel enthäutet Hare Schicht um Schicht von der Komplexität dieser Geschichte. So kommt das Stück mehr als dialogisierte Reportage denn als traditionelles Drama daher. Mit der Erfindungskraft von Lucy Prebbles "Enron" kann es nicht konkurrieren.

Dafür brilliert es mit journalistischer Präzision. In der Mitte steht Hare selber als Figur, als "der Autor", wie er sich fachkundig instruieren lässt über das Thema, dem er sich gestellt hat. Dreißig Personen, in grelles Scheinwerferlicht getaucht, geben sich auf ansonsten abgedunkelter Bühne die Hand, über ihren Köpfen Sequenzen von Zitaten und Porträts in Close-up, während am Rande "der Autor" seinen Part des Zuschauers und Rückfragers spielt, der den Wust an Finanzinstrumenten und ihrem immer verworreneren Jargon des "credit-crunch speak" zu verstehen sucht. Dazu das Panorama der Figuren, die wir aus der Genese der Krise kennen und die ihre Kommentare beisteuern, sei es als Dialog oder als bloße Deklamationen.

Dass Hare fast zwei Stunden lang den Zuschauer durch dieses makabre Kapitel unserer Zeitgeschichte führt, ohne ihn zu ermüden, ist nur mit seiner ideologischen Zurückhaltung zu erklären, die ihn davor bewahrt, in billige Schwarzweiß-Malerei zu verfallen oder ein linkslastiges Scherbengericht über den Kapitalismus abzuhalten. Der anthropologische Kern seiner "Geschichte" erklingt in einer Passage des Unternehmensberaters und Journalisten David Marsh, der in dem Stück als "Banker" auftritt: "Die Erfindung aller dieser neuen Finanzinstrumente machte gewisse Dinge möglich, die sonst nicht möglich gewesen wären. Riesige Summen Geld spülten um den Globus, und die Banken waren bereit, uns allen Geld zur Verfügung zu stellen, die wir über unsere Verhältnisse zu leben wünschten. Allen von uns."

Das ist deutlich genug. Freilich, das letzte Wort, ein elegisches Lamento, gehört George Soros, dem zum Philanthropen mutierten Milliardär: "Die Leute, die am Ende den Preis für den Markt bezahlen, sind nie diejenigen, die den Nutzen davon tragen." Da ist er endlich doch, der ganze Hare, wie wir ihn aus seinen neunzehn gesellschaftspolitischen Stücken kennen.

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