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Metamorphose eines Notenbankers

Geheimverhandlungen und Muskelspiele: Ein neues Buch enthüllt, wie verbissen Deutsche und Franzosen einst um den Euro kämpften – und wie der heutige EZB-Präsident Jean-Claude Trichet zum großen Verfechter einer politisch unabhängigen Notenbank wurde.

by David Marsh - published on 15/01/09 in Handelsblatt

Hoch über Frankfurt im 36. Stock des Eurotowers nimmt das Ritual heute wieder seinen Lauf. Dann lässt sich Jean-Claude Trichet wie alle vierzehn Tage auf dem Präsidentensessel am großen Konferenztisch am Sitz der Europäischen Zentralbank nieder. Europas oberster Währungshüter berät mit seinen 21 Kollegen im EZB-Rat, mit welcher Zinsstrategie die Zentralbank weiter gegen die Kredit- und Konjunkturkrise vorgehen will. Die Zinsen senken? Und wenn ja: Um wie viel? Was spricht dafür, was dagegen? Wo liegen die Risiken, wo die Chancen?

Dann wird entschieden, und kein Politiker darf Trichet und seine EZB-Kollegen beeinflussen. Alle müssen lauschen, wenn Trichet um 14.30 Uhr zur Pressekonferenz bittet, mag auch mancher über Trichets Worte die Faust in der Tasche ballen. Denn staatsrechtlich ist die EZB unabhängig.

Wie stark sie diese Unabhängigkeit macht, hat sie unter Trichets Führung während der Umwälzungen der vergangenen Monate mehr als einmal bewiesen. Die spannungsgeladenen Umstände haben Trichet zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten im Umgang mit der um sich greifenden Krise werden lassen. Wie hart der Kampf um die Unabhängigkeit der EZB Anfang der 90er-Jahre jedoch wirklich war – besonders zwischen Deutschland und Frankreich – und wie weit auch der Weg Jean-Claude Trichets bis hin zum Fürsprecher der politischen Freiheit des Zentralbankers war, das wird erst heute in vollem Umfang deutlich – dank zahlreicher detaillierter Interviews mit den damals Handelnden wie Helmut Schlesinger, Hans Tietmeyer, Jacques de Larosière oder Theo Waigel sowie diverser bisher unbekannter Dokumente.

Wer Krisen meistern muss, schöpft am besten aus den Erfahrungen vergangener Krisen. Nur wer solche Ereignisse einst gemeistert hat, ist auf Erschütterungen vorbereitet, wie sie die Weltwirtschaft derzeit erlebt. Gerade Jean-Claude Trichet hat durch Krisen gelernt.

Es ist ein gewisses Paradoxon, dass gerade ein französischer Notenbanker eine Stellung der Unabhängigkeit errungen hat, die Europa in einer Zeit des Umbruchs zugute kommt. Denn traditionell gehörte in Frankreich politische Kontrolle über die Geld- und Währungssouveränitat zur höchsten Staatsräson. Trichet absolvierte lange Lehrjahre als Direktor des mächtigen französischen Schatzamts, wo er die Banque de France unter seiner Obhut hatte, und dann 1993 bis 2003 als Gouverneur der Banque de France, nachdem Frankreichs Notenbank in die Unabhängigkeit entlassen wurde.

Heute trifft Trichets Autonomiebewusstsein in Frankfurts Bankenszene sowie bei Angela Merkel und Peer Steinbrück auf herzhaft positive Resonanz; daheim in Paris jedoch schlägt ihm noch immer Unbehagen entgegen, besonders bei Präsident Nicolas Sarkozy, der mit noch größerer Ungeduld als sein Vorgänger Jacques Chirac die EZB-Zinspolitik immer wieder kritisch begleitet.

Allerletzte Zweifel an seiner Unabhängigkeit ausgeräumt und sich damit Anerkennung und Autorität verschafft hat sich Trichet mit der flexiblen, aber robusten Reaktion der EZB auf die Kreditkrise. Geschmiedet jedoch wurde sein Credo eines unabhängigen, aber nicht unsensiblen Notenbankwesens im Feuer einer Devisenmarktkrise, die 16 Jahre zurückliegt. 1992/93 brach ein unerbittlicher Kampf um die Einhaltung der Parität des französischen Franc gegenüber der D-Mark aus, in den Präsident François Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Kohl tief hineingezogen wurden – und an dessen Ende Trichet währungspolitisch so etwas wie eine zweite Geburt erlebte.

Der Streit vom 1992/93 war umso theatralischer, als in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg im Gegensatz zu Frankreich eine ganz andere Kultur der Geld- und Währungspolitik herrschte. Mit dem wirtschaftlichen Erfolg der unabhängigen Bundesrepublik wuchsen Reputation und Statur des deutschen Notenbankenwesens. Im französischen Schatzamt wurde Trichet im Schatten der Bundesbank groß. Ihre fast mythische Macht hatte ihm stets imponiert und fasziniert, ihn aber auch eingeschüchtert. Jahrelang hatte er sie bekämpft und zu bändigen versucht.

Nun, im EZB-Rat im 36. Stockwerk des Eurotowers, ist Trichet so weit: Mit Elan und Überzeugung hat er sie sich zu eigen gemacht. Erstritten hat er sich seine Stellung mit Eigenschaften, die er in seiner langen Beamtenzeit erlernt hat: peinlich-präzise ist er in seinen Erklärungen, geduldig-hart in seinem Stehvermögen, empfindsam in seinem Sinne für politische Strömungen, samtweich-sanft (und nicht ohne eine fast altmodisch wirkende Courtoisie) in seinen Manieren. Früh hat er die Kunst erlernt, in den unterschiedlichsten Kreisen Anklang und Gehör zu finden.

Wer gestaltet, wer benutzt wen? Lebt die Bundesbank weiter durch Trichet? Oder stützt sich Trichet auf den Mythos Bundesbank, um seinen eigenen Einfluss auszudehnen? Solche metaphysischen Fragen liebt Trichet, der leidenschaftliche Freund der Poesie, der auch mal Literarisches in seine wirtschaftspolitischen Ausführungen einbringt. Doch beantworten mag er sie nie. Er genießt das Chamäleonhafte seines Wirkens: „In Deutschland sieht man in mir einen Franzosen, in Frankreich einen Deutschen.“

Einem so imagebewussten Menschen wie Trichet ist es nicht unangenehm, der bekannteste Notenbanker der Welt nach Ben Bernanke zu sein, dem Vorsitzenden des Federal Reserve Board, und erheblich mehr Erfahrung in der Führung einer Zentralbank zu besitzen als dieser. Er betont den kollegialen Charakter seiner EZB-Mannschaft, um dem Eindruck zu begegnen, im Eurotower gebe es nur einen Menschen, der zählt, nämlich ihn selbst.

Trichet erntet Lob selbst bei denen, die bis heute an der Währungsunion zweifeln. Der ehemalige britische Premier John Major, dessen Ansehen schwer unter den Devisenmarktverwerfungen von 1992/93 litt, hält den Euro zwar für eine fehlerhafte Konstruktion, fügte aber hinzu: „Die Europäische Zentralbank hat große Kompetenz und Sachkenntnis gezeigt. Ich zolle Jean-Claude Trichet hohen Respekt. Er ist ein sehr fähiger Mann.“

Trichets Haltung zu Machtverteilung zwischen Regierung und Notenbank wurde 1988/89 erstmals auf die Probe gestellt. Anlass war ein Gutachten zur Gründung einer Währungsunion, das unter der Ägide von Jacques Delors erstellt wurde, dem damaligen Präsidenten der Europäischen Kommission. Trichet als Schatzamtdirektor geriet in einen währungspolitischen Strudel, was ihm später bei der Bundesbank den Vorwurf exzessiver politischer Parteilichkeit einbrachte. Delors’ Expertengruppe setzte sich vorwiegend aus Notenbankgouverneuren der damals neun Länder der Europäischen Gemeinschaft zusammen, darunter Karl Otto Pöhl von der Bundesbank und Jacques de Larosière von der Banque de France.

Pöhl pokerte mit hohem Einsatz. Er verknüpfte ein verhaltenes Ja der Bundesbank zur Währungsunion mit der Forderung, dass eine Europäische Zentralbank eine Unabhängigkeit haben müsse, die mindestens so streng wie die der Bundesbank wäre. Pöhl rechnete damit, dass die Franzosen über eine so hohe Latte wohl nie springen würden. Und sein Kalkül ging beinahe auf. Der sozialistische Finanzminister Pierre Bérégovoy, ein alter Weggefährte Präsident Mitterrands und ein Verfechter des „starken Franc“, war strikt gegen die Aufgabe der Geldhohheit – und wurde von seinem Schatzamtschef Trichet kräftig unterstützt.

Weder Pöhl noch Frankreichs Finanzministerium rechnete aber mit der Hartnäckigkeit von de Larosière. Der trotze, nachdem er seine Position mit Mitterrand heimlich abgesprochen hatte, Bérégovoy und Trichet – und sagte Pöhl zu.

Nach der Verabschiedung des Delors-Berichts spitzte sich die Lage zu. Am 27. April 1989 wurde de Larosière ins Pariser Finanzministerium zitiert. Es kam zu einem Zusammenstoß von geradezu zeremonieller Strenge zwischen dem amtierenden und dem künftigen Gouverneur der Banque de France. Trichet warf de Larosière vor, den Deutschen „Konzessionen“ gemacht zu haben – was de Larosière energisch abstritt.

Die härteste – und auch erfolgreichste – Bewährungsprobe in Trichets Karriere folgte dreieinhalb Jahre später während der Schlacht um den Franc und das Europäische Währungssystem (EWS). Zwischen Herbst 1992 und Sommer 1993 kam es zu zahlreichen Zwischenfällen zwischen den französischen und deutschen Währungsbehörden und auch zu geheimen Verhandlungen, in denen Bundeskanzler Kohl die widerwillige Bundesbank dazu bewog, den Franc zu stützen – ein Unterfangen, in dem Trichet eine Hauptrolle einnahm.

Eingeleitet wurde die Attacke auf den Franc im September 1992 durch den Sturz der britischen, italienischen und spanischen Währungen, was zum Ausstieg des Pfund und der Lira aus dem Wechselkursmechanismus des EWS führte. Damit begann eine Welle der Spekulation gegen die Politik des „starken Franc“. Das Maastricht-Referendum in Frankreich am 20. September 1992 ergab nur eine hauchdünne Mehrheit für den Vertrag.

Mitterrand und Kohl kamen am 22. September im Elysée-Palast zusammen. Bérégovoy, nun Premierminister, hatte Kohl um Unterstützung für den Franc gebeten. Mitterrand erklärte Kohl, würde die Bundesbank den Franzosen Hilfe verweigern, bliebe sie „als einzige in einem Ruinenfeld stehen“.

Vom Elysée-Palast aus telefonierte Kohl mit deutschen Währungsexperten in Washington, die dort zusammen zur Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds weilten. Bundesbank-Vizepräsident Hans Tietmeyer empfahl der Kanzler, „innerhalb der nächsten Stunde“ eine formelle Erklärung der deutschen und französischen Notenbankgouverneure zur Aufrechterhaltung der Franc-Mark-Parität bekannt zu geben. Kurz danach nahmen die Delegationen in Washingtons Sheraton-Hotel ihre Gespräche wieder auf. Trichet stand an der Spitze eines kleinen französischen Teams. Ihm gegenüber saßen Finanzminister Theo Waigel, sein Staatssekretär Horst Köhler, Bundesbankpräsident Helmut Schlesinger, sein Vize Tietmeyer sowie drei weitere Beamte.

Die Atmosphäre war angespannt. Schlesinger lehnte es ab, die Erklärung zur Franc-Parität zu unterzeichnen, und schlug eine Franc-Abwertung vor. Trichet entgegnete, er sei „bestürzt und empört“ und bezichtigte Schlesinger der „Sprache des Bruchs“. Während einer Pause telefonierte Kohl von Paris aus erneut mit Waigel und Schlesinger. Trichet nahm Köhler (den heutigen Bundespräsidenten) zur Seite und machte ihm „mit außergewöhnlicher Heftigkeit“ klar, was er von Deutschlands europäischen Prioritäten hielt. „Ich sagte ihm schonungslos, dass die Bundesbank (und Deutschland) sich täuschten, wenn sie glaubten, uns so behandeln zu können, wie sie England und Italien in quantitativer und qualitativer Hinsicht behandelt hatten. Wir seien nicht vergleichbar, weder wirtschaftlich noch politisch noch strategisch“, schrieb Trichet in einem Geheimprotokoll.

Nach ihren Gesprächen mit Bundeskanzler Kohl gaben sich die Deutschen konzilianter. Zwar wurde der französische Entwurf abgeschwächt, aber am Ende stand doch eine beispiellose Solidaritätsbekundung der Bundesbank für den Franc, die am nächsten Tag verkündet wurde.

Doch das brachte eine nur sehr kurzfristige Beruhigung. Erst Anfang August 1993 wurden die Spannungen durch die erhebliche Erweiterung der EWS-Interventionsmargen beendet – eine Operation, die fast zum Auseinanderbrechen des EWS führte, es aber auch rettete. Frankreich behielt die Franc-Parität, zahlte dafür jedoch mit dramatisch hohen Zinssätzen, die jahrelang die Wirtschaft lahm legten. Dafür gab Paris den Widerstand gegen die Notenbankunabhängigkeit auf. Und Trichet wurde im September 1993 als Nachfolger von de Larosière als Chef einer Banque de France installiert, die den Pfad zur Unabhängigkeit eingeschlagen hatte. Am 31. Dezember 1993 schrieb Trichet Silvestergrüße an  Mitterrand,  und er fügte dem Schreiben seine zwölfseitigen Aufzeichnungen der Sheraton-Gespräche bei. „Ich hatte das Gefühl, an der Front zu sein“, schrieb er – und dass der „Kanzler beim Verlassen Ihres Amtszimmers der deutschen Delegation entsprechende Weisung erteilt“ habe, den Franc zu stützen.

Trichets Bemerkung, dass Kohl der deutschen Delegation eine „Weisung“ erteilt habe – was  gegen die gesetzliche Unabhängigkeit der Bundesbank verstoßen würde –, deutet auf eine nuancierte Interpretation der Autonomie hin. Auch eine unabhängige Notenbank könne nicht immer die Wünsche der Exekutive vernachlässigen. Mit dem Abstand von 15 Jahren weisen  Schlesinger und Tietmeyer Trichets Deutung der „Weisung“ zurück: Der Franzose habe den Charakter des Dialogs zwischen dem Kanzler und den Spitzen der Bundesbank missverstanden; Kohl habe seine Argumente energisch vorgetragen, die letzte Entscheidung aber den Notenbankern überlassen.

Wer hat Recht, wer Unrecht? Auf jeden Fall trug die Relativierung der Bundesbank-Macht dazu bei, dass Trichet seine Zurückhaltung gegenüber der Aufgabe staatlicher Geldsouveränität aufgab. Es gibt auch einen weniger komplizierten Grund: Einmal als Gouverneur in Paris inthronisiert, hat er die Macht des neuen, unabhängigen Status entdeckt und entsprechend verteidigt. Kenner sprechen vom Sinneswandel in Form des „Becket-Effekts“: Thomas Becket, der Lordkanzler König Heinrichs II. von England, stellte sich einst, nachdem er zum Erzbischof von Canterbury ernannt worden war, gegen den König – und wurde wegen seines Positionswechsels ermordet.

Heutzutage sind die Sanktionen weniger streng. Im 36. Etage des Eurotowers darf Jean-Claude Trichet den Kurs von Europas Zinspolitik weiterhin prägen. Er muss natürlich seinen Kollegen im EZB-Rat zuhören. Aber gelegentliche Telefonate von Staatspräsidenten, Kanzlerinnen, Premierministern oder Finanzministern muss er nicht mehr fürchten. Und im andauernden Kredit- und Konjunktursturm im Euro-Raum ist dies auch gut so. Download article

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