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Unglaublich! Wirklich?

By Petra Pinzler and Mark Schieritz - published on 29/01/09 in DIE ZEIT 

Spanien, Irland, Portugal: Auch Euro-Länder könnten pleitegehen. Die Furcht davor setzt die Währung schon jetzt einem Stresstest aus.

Der eine Satz sagt alles. Dabei ist nicht etwa sein Inhalt überraschend, sondern dass er überhaupt ausgesprochen werden muss von diesem Mann, vor diesem Publikum, in diesen Tagen: "Wenn jemand behauptet, der Euro-Raum wäre gefährdet, dann ist das eine Vorstellung, die ich für unangemessen halte."

Jean-Claude Trichet, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), beantwortete am vergangenen Mittwoch so die Fragen von EU-Abgeordneten. Der Mann saß im Raum JAN4 Q1 des Europäischen Parlaments, ballte kämpferisch die Faust und sah doch vor allem müde aus. Unter den Augen tiefe Ringe. Seit Wochen schon ist er praktisch rund um die Uhr im Dienst, hetzt von Krisensitzung zu Krisensitzung, von Gipfeltreffen zu Gipfeltreffen – immer in Sachen Euro.

Der Termindruck könnte noch schlimmer werden. Denn nicht nur in Brüssel erwachen Zweifel an der Krisentauglichkeit der Währungsunion. Seit die Finanzmarktkrise nicht mehr nur Banken, sondern auch Euro-Länder in die Enge treibt, gerät das gemeinsame Geld unter Druck. Pünktlich zum zehnjährigen Geburtstag hat der erste echte Härtetest für den Euro begonnen. Und keiner weiß, wie schlimm der noch werden wird.

"Das Auseinanderbrechen der Euro-Zone ist eines der heißesten Themen an den Märkten", sagt Aurelio Maccario, Volkswirt bei der italienischen Bank UniCredit. Dabei sieht der Albtraum der Anleger so aus: Die Finanzkrise wird noch tiefer, schließlich kann ein Euro-Land seine Schulden nicht mehr zahlen und muss sich – auch weil die Nachbarn nicht helfen – aus dem Verbund ausklinken und die alte Währung wieder einführen. Es folgen wilde Turbulenzen, Rezession, Pleiten.

Regierungen und Notenbanker verweisen solche Horrorszenarien regelmäßig ins Reich der Fantasie. Dabei stünden – im Falle eines Falles – die heißen Kandidaten schon fest: Spanien, Irland, Griechenland und Portugal. Erst vergangene Woche senkten Ratingagenturen ihre Bonitätsnoten für die Länder der Iberischen Halbinsel. Griechenland wird schon länger mit A– beurteilt; das entspricht der Schulnote vier.

An den Börsen hat so etwas Folgen. Diese Länder müssen für ihre Schulden immer mehr Zinsen zahlen, und die Furcht wächst, dass ihnen eines Tages niemand mehr ihre Anleihen abnimmt. Fast drei Prozentpunkte muss die griechische Regierung bereits mehr für Kredite zahlen als die deutsche. Noch deutlicher spiegeln die sogenannten Credit Default Swaps die Misere wider. Diese Wertpapiere, die Anleger gegen Zahlungsausfälle absichern, bewerten die Pleite Griechenlands als ebenso wahrscheinlich wie die der maroden Großbank Citigroup. So etwas stresst eine Währungsgemeinschaft von 16 Staaten.

Griechenland pleite? Noch ist das undenkbar. Doch bis vor Kurzem galt auch Island noch als sicher. Dann krachte es, und nicht nur da. Schon im Oktober retteten EU und IWF die Ungarn still und leise mit 20 Milliarden Euro. Fast zeitgleich rumorte es in der Ukraine, neulich musste Lettland gestützt werden. Nach Großbritannien fahren die Schnäppchenjäger, weil das britische Pfund täglich sinkt. Und in ganz Osteuropa wächst die Furcht vor dem Crash. Kurz: Rund ums Euroland sind die Aussichten düster.

Im Vergleich dazu herrschen drinnen vergleichsweise paradiesische Zustände, jedenfalls noch: keine fallenden Devisenkurse, keine radikale Anlegerflucht, keine Panik. Ganz so, wie es die Gründerväter einst geplant hatten. Schutz vor den Unbilden der Märkte, ein solides Mittel, mit dem man wirtschaften kann, sollte das gemeinsame Geld werden. »Der Euro ist ein klarer Krisengewinner«, lobte Barry Eichengreen, renommierter Währungsexperte von der University of California, noch kurz vor Weihnachten.

Seither jedoch wird von Tag zu Tag klarer, dass es so nicht bleiben muss – weil die Regierungen in der Währungsunion offenbar nicht an die ganz großen Stürme gedacht haben. So schätzen die 16 Mitglieder der Euro-Zone zwar das neue Geld, doch schützen sie es nicht in jeder Hinsicht, etwa in der Wirtschaftspolitik. Zwar dürfen sie laut Stabilitäts- und Wachstumspakt nicht dauerhaft rote Zahlen schreiben. Wer sich ein Loch von mehr als drei Prozent seines Sozialprodukts leistet, muss mit Sanktionen aus Brüssel rechnen. Doch ansonsten können Berlin, Madrid oder Rom wirtschaftspolitisch so ziemlich machen, was sie wollen. Das rächt sich jetzt.

"Wir haben auf die Defizite wie das Kaninchen auf die Schlange gestarrt und alle anderen Probleme ignoriert", gibt ein Finanzbeamter aus Brüssel zu, und dann zählt er auf: Wettbewerbsfähigkeit, Inflationsrate, Löhne – all dies konnte sich unabhängig voneinander entwickeln – und dadurch auseinander. Volkswirte nennen das "Ungleichgewicht": Da boomten beispielsweise Spanien und Griechenland, ihr Immobilienmarkt explodierte geradezu. Der Euro brachte ihnen zugleich niedrige Zinsen, Stabilität und – stark wachsende Löhne. Dadurch aber verloren die Unternehmen Marktanteile an ausländische Konkurrenten. Als Ergebnis klafft in der spanischen Handelsbilanz eine Lücke von 8 Prozent der Wirtschaftsleistung, in der griechischen sogar von 18 Prozent. Das Gegenteil geschah in Deutschland. Die Deutschen senkten Kosten und haben heute einen Leistungsbilanzüberschuss von fast 9 Prozent. Wechselkurse und Zinsen gleichen solche Verwerfungen in der Regel automatisch aus. Doch in einer Währungsunion gibt es keine schwankenden Wechselkurse und nur einen Zins für alle.

Solange die Wirtschaft boomte, war das nicht so schlimm. Jetzt, in der Krise, treten die Bruchstellen offen zutage. In spanische oder irische Appartements mag niemand mehr investieren, und die Wirtschaft schrumpft. Die Steuereinnahmen sinken, und selbst in Ländern, die sich wie Irland bisher an die Regeln gehalten haben, reißen riesige Haushaltslöcher auf. Nach Schätzungen von Goldman Sachs könnte sich allein die irische Staatsverschuldung in den nächsten drei Jahren verdreifachen. Die staatlichen Rettungsaktionen für die Banken kosten weitere Milliarden, was für das Land existenziell wird, da die Bilanzsumme der irischen Banken beim Zehnfachen der jährlichen Wirtschaftsleistung liegt. Müssten alle Banken gerettet werden, wäre Irland pleite. Und dann?

Die Krisenländer können ihre Währungen nicht abwerten, um den Export anzukurbeln. Sie können auch nicht die Notenpresse anwerfen – wie es die US-Zentralbank angekündigt hat, um die Schulden der Regierung notfalls mit frischem Geld zu begleichen. Die Euro-Länder haben ihre Souveränität in Währungsfragen an die EZB abgegeben, und deren Chef Trichet hält wenig von solchen Ideen. Der amerikanische Nobelpreisträger Paul Krugman glaubt deshalb, dass der Euro die Krise noch schlimmer macht.

Zerreißt am Ende gar die Währungsunion? An den Märkten würde das sicher Panik auslösen, Investoren und Bürger würden auch noch ihr letztes Geld so schnell wie möglich abziehen. Die Zinsen würden nach oben schnellen – und die Wirtschaft würde noch schneller schrumpfen. Doch das will keiner. Nur zu gut erinnern sich Spaniens Politiker an die Zeiten vor dem Beitritt zur Währungsunion. Damals mussten sie eine Verzinsung von mehr als zehn Prozent bieten, wenn sie sich am Kapitalmarkt Geld ausleihen wollten. "Es ist sinnvoller, mit den Problemen innerhalb der Euro-Zone fertig zu werden, als sie zu verlassen", heißt es daher in einer Analyse von Goldman Sachs.

Was am Ende geschieht, darüber entscheidet auch Birgit Figge. Man meint Menschen wie sie, wenn man vom Markt spricht. Figge ist Zinsstrategin bei der DZ Bank in Frankfurt, sie beobachtet und analysiert Staatsanleihen. Wenn Griechenland höhere Zinsen bezahlen muss, dann auch, weil Figge ihren Händlern empfiehlt, die Anleihen des Landes zu meiden. Und genau das tut sie derzeit. Sie könne niemandem raten, "gegen den Trend zu halten", sagt Figge. Auf das Zerbrechen der Währungsunion spekuliert sie trotzdem nicht. "Wenn es hart auf hart kommt, wird man gefährdete Länder stützen."

Nur wie? Noch lehnen die meisten Politiker und Notenbanker schon den Gedanken vehement ab. "We don’t bail out in Europe", diktiert Yves Mersch, Mitglied im Europäischen Zentralbankrat, Anfang der Woche der Financial Times in den Notizblock, was so viel heißt wie: Pleitestaaten, helft euch selbst! Schließlich verbieten die europäischen Verträge direkte Finanzhilfen in der Euro-Zone. Die Gründungsväter wollten so verhindern, dass unseriöse Mitglieder den illustren Club straflos missbrauchen und im Vertrauen auf Hilfe immer mehr Schulden machen.

Doch Papier ist geduldig. Und neue Krisen fordern neue Lösungen. David Marsh, Chef des Beratungsinstituts Oxford und London, prognostiziert daher: "Deutschland müsste in einem solchen Extremfall einspringen, um für das Versagen der anderen geradezustehen." Wohl auch, weil ein Staatsbankrott alle Euro-Länder und ihre Unternehmen hart treffen würde. Nach Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich haben allein die deutschen Banken in Spanien 240 Milliarden Euro verliehen. Wäre dieses Geld weg, würde das neue, tiefe Löcher in deren Bilanzen reißen.

Warum den Pleitiers nicht direkt helfen? Auf politischer Seite wagt solche Gedankenspiele nur der luxemburgische Premierminister und Chef der Euro-Gruppe, Jean-Claude Juncker. Es könne nicht sein, "dass man Ungarn oder Lettland stützt, aber kein Instrument für Länder in der EU hat", sagt er und hält das auch für eine Frage der »Solidarität«. Allerdings müsse Hilfe dann auch mit "Auflagen für die Solidaritätsempfänger" verbunden sein.

Noch ist das nicht nötig. Und damit es nicht so weit kommt, mahnt Juncker "stärkere wirtschaftspolitische Koordination" an. Zudem rät er, sich der Frage der Eurobonds zu nähern. Solche gemeinsamen europäischen Anleihen sollen es kleinen und gefährdeten Ländern ermöglichen, billiger an Geld zu kommen, um damit ihre Wirtschaft anzukurbeln. Vom deutschen Finanzminister kam umgehend ein Veto. "Wie soll ich das den Leuten zu Hause erklären?", fragt Peer Steinbrück. Doch Nein hat Deutschland in Europa in den vergangenen Wochen schon ein paar Mal gesagt, um dann doch still und leise einzulenken.

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