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Gedankenspiele über die Zukunft des Euro

Investmentbanker Marsh und Europapolitiker Hänsch im Rededuell

By Jens Schneider - published on 13/05/09 in Süddeutsche Zeitung

Hamburg – Der Londoner David Marsh ist Investmentbanker und zugleich ein kenntnisreicher Wirtschaftsjournalist. So versteht er sich darauf, mit wenigen Zahlen und Daten sichere Weltbilder ins Wanken zu bringen. Da ist zum Beispiel eine Berechnung der Europäischen Kommission. Marsh führte sie am Montagabend in Hamburg in ein Rededuell mit Europa-Politiker Klaus Hänsch über die Zukunft des Euro ein, zu dem die Körber-Stiftung und die Süddeutsche Zeitung in die Kehrwiederspitze an der Hafen-City eingeladen hatten. Diese Berechnung folgt einem Gedankenspiel, das von der Annahme ausgeht, dass es den Euro nicht gäbe. In diesem Fall hätten nämlich, so erklärte Marsh, die spanische Pesete, der Escudo in Portugal und die griechische Drachme seit 1999 im Vergleich zur D-Mark um 30 Prozent abgewertet werden müssen, um die Unterschiede in der Inflationsrate auszugleichen.

 

So eine Berechnung zeigt, wie sehr die wirtschaftliche Entwicklung der 16 Länder in der Euro-Zone auseinanderdriftet. Und sie hilft David Marsh, Zweifel zu nähren: Zweifel daran, dass der Euro unerschütterlich und unumkehrbar bleiben wird. Dabei gilt der Euro als Erfolgsstory, in Deutschland ist kaum noch Wehmut nach der D-Mark zu spüren. Manche Beobachter glauben, dass die negativen Folgen der Finanzkrise für die Euro-Länder wegen der gemeinsamen Währung glimpflicher ausfallen.

 

Dennoch warnt der einstige Deutschland-Korrespondent der Financial Times, der zu Jahresbeginn ein Buch über die Geschichte des Euro veröffentlichte. Er wünsche nicht, betont Marsh, dass die Währungsunion auseinanderbreche. Vor allem Länder im Süden Europas litten unter massiven Wettbewerbsverlusten. Sie würden bald unter Druck geraten, ihre Defizite auszugleichen. Es bestehe die Gefahr eines Teufelskreises: Ein Ausgleich ihrer Verschuldung müsste mit höherer Arbeitslosigkeit erkauft werden, das könnte sie weiter abwärts ziehen. „Alles ist denkbar”, sagt er, etwa eine Abspaltung des stabilitätsorientierten Nordens aus dem Euro-Club.

 

Der Sozialdemokrat Klaus Hänsch ist seit 30 Jahren Mitglied des Europäischen Parlaments, drei Jahre war er Parlamentspräsident. Hänsch konterte die Warnungen des Briten in der „Körber debate” mit einem positiven Szenario. „Die Krise im Augenblick stärkt das Interesse am Euro.” Keineswegs stehe die Währung vor dem Kollaps, sie sei attraktiver geworden. „Manche Staaten wären froh, wenn sie jetzt dabei wären”, sagte er und nannte Island, Ungarn oder Polen. Hänsch räumte ein, dass es die große Spreizung in der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Euro-Länder gibt. Aber die Europäische Zentralbank und die Politik, versprach er, seien „in der Lage, damit fertig zu werden”. Nur wenn man sich jetzt zurücklehnte, „wäre der Euro in der Tat gefährdet”.

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