David Marsh

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Zwischenbilanz eines gigantischen Experiments

by Jürgen Schaaf - published on 20/01/09 in Börsen-Zeitung

Zum 10. Geburtstag des Euro am 1. Januar dieses Jahres explodiert die Publikationsliste zur Gemeinschaftswährung förmlich. Oft handelt es sich bei den Aufsätzen, Essays und Büchern um oberflächliche und ideologisch voreingenommene Lobeshymnen oder Verrisse. David Marshs "Der Euro" ist eine erfreuliche Ausnahme. Kenntnisreich und fundiert zieht der britische Finanzexperte Bilanz. Der exzellent vernetzte ehemalige Journalist hat mit zahlreichen Zeitzeugen und historischen sowie aktuellen "Machern des Euro" gesprochen, deren Äußerungen in seine Bewertung der Geschichte und der Zukunft des Euro einfließen.

Respekt gezollt

Natürlich erkennt Marsh an, dass die Gemeinschaftswährung den Menschen und Staaten innerhalb und außerhalb des Euroraumes große wirtschaftliche, politische und soziale Vorteile gebracht habe und dies auch weiterhin tun werde. Auch zollt er der Europäischen Zentralbank (EZB) Respekt, die "weltweit Ansehen und Geltung" genießt, nicht zuletzt, weil die Inflationsentwicklung in den ersten Jahren nicht, wie vielfach befürchtet, aus dem Ruder gelaufen ist.

Aber er spricht auch viele kritische Punkte an, etwa die Problematik, dass die mitunter grundverschiedenen Euro-Länder keine ausreichende wirtschaftliche Konvergenz zustande gebracht hätten

Marsh wägt Positives gegen Negatives ab, hält es aber für noch zu früh, um ein abschließendes Urteil über dieses gigantische volkswirtschaftliche Experiment zu fällen. "Noch kann man nicht sagen, ob das seit zehn Jahren laufende Experiment am Ende gelingen oder scheitern wird." Über weite Strecken des Buches hält der Autor kritisch Distanz. So schaut er - und damit folgt er der angelsächsischen Tradition, die ein Gegengewicht zur germanischen Anti-Inflationshaltung darstellt - auf die Wachstumsimpulse, die von der Währungsunion auf Kontinentaleuropa ausgingen. "Die ersten zehn Jahre der Währungsunion wirkten sich kaum auf die relative Pro-Kopf-Leistung des Euroraums aus", schreibt er und führt dies vor allem auf das schwache Wachstum in Deutschland, Frankreich und Italien zurück, die zusammen 70 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) des Euroraumes erwirtschaften.

Marsh ist weit davon entfernt, die gemeinsame Währung als Hauptursache für die schwache Wachstumsdynamik zu brandmarken. Er stellt aber zu Recht fest, dass sich "Hoffnungen, der Euro werde Europa wie durch Zauberhand vor der Konkurrenz aufstrebender Schwellenländer" abriegeln, als "blanke Illusion" entpuppt hätten.

Auch ist das Erstarken der inzwischen an den internationalen Devisenmärkten zweitwichtigsten Währung aus Sicht von Marsh weniger auf die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Europa und die erfolgreiche Geldpolitik der EZB zurückzuführen, sondern "vielmehr auf die Unfähigkeit der amerikanischen Politiker, die einem jahrelangen Wertverfall des Dollar tatenlos zuschauten". Dennoch vergisst Marsh nicht, dass die europäische Einheitswährung nicht nur das Ergebnis ökonomischer Überlegungen war, sondern vor allem ein politisches Projekt: "Mit dem Aufkommen einer gemeinsamen Währung in Europa geriet das Geld auf ein Spielfeld, das normalerweise von Politikern und Generälen besetzt ist. Der Euro wurde - unter der Maßgabe ehrgeiziger, hochgesteckter Ziele - zum Mittelpunkt eines kühnen Plans zur Umgestaltung eines ganzen Kontinents." Die politischen Väter des Euro hatten nicht nur, noch nicht einmal vor allen Dingen, die wirtschaftlichen Vorteile im Auge. Es ging ihnen in erster Linie darum, "die konfliktreiche Vergangenheit endgültig zu überwinden". Allerdings sollte dieser dauerhafte Frieden durchaus auch eine Dividende abwerfen und eine neue Grundlage für allgemeinen Wohlstand schaffen.

Gespickt mit Fakten

Das Buch "Der Euro", das gespickt ist mit historischen Fakten und einer Fülle von technischen Details der praktischen Geldpolitik, profitiert von Marshs flüssiger und kompakter Sprache. Dem langjährigen Journalisten, der für die "Financial Times" aus Frankfurt über die deutsche Währungspolitik berichtete und 1995 ins Investment Banking nach London wechselte, gelingt es so, potenziell trockenes Wissen en passant in ein spannendes Sachbuch einfließen zu lassen. Auch die zahlreichen, mitunter bisher unveröffentlichten Zitate von hochrangigen Zeitzeugen, mit denen Marsh gesprochen hat, steigern den Lesegenuss.

Insgesamt ist die Schrift zum 10-jährigen Jubiläum eine kritische, ausgewogene Würdigung der Gemeinschaftswährung, die sich vor allem durch ihre Neutralität und Distanz von der Fülle der derzeitigen Euro-Würdigungen positiv abhebt. Download article

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