David Marsh

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Der Euro als Währung der Spannungen und der Politik

Die Geschichte der europäischen Währungsunion aus Sicht der beteiligten Akteure

By Joachim Starbatty - published on 06/05/2009 in Neue Zürcher Zeitung

In der europäischen Währungsunion ging es nach der Gründung lange Zeit relativ ruhig zu, mit der Wirtschaftskrise sind im Gefüge nun aber starke Spannungen zutage getreten. Das hier besprochene Buch bietet Hintergründe und Analysen zum Werdegang des Euro-Konstrukts. (Red.)

Die europäische Währungsunion durchlebt eine aufregende Zeit: Einerseits gilt der Euro als Hort der Stabilität, weil sonst die Weltwirtschaftskrise die Wechselkurse der Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) durcheinandergewirbelt hätte, anderseits zeigt dies ein fundamentales Problem an, weil der Euro zusammenbindet, was nicht zusammengehört. Ein Buch, das die Entstehungsgeschichte des Euro nachzeichnet und die jüngsten Turbulenzen nicht ausspart, ist hochwillkommen. Es zeigt, warum die EU-Mitgliedstaaten seinerzeit an der Schaffung einer Währungsunion interessiert waren und wie es – trotz Bedenken der Deutschen Bundesbank – dazu gekommen ist. 

Deutsch-britische Kontraste

David Marsh hat als intimer Kenner der europäischen Integration die am Entstehungsprozess beteiligten Akteure der maßgeblichen nationalen Regierungen, der Zentralbanken und der internationalen Finanzwelt interviewt. Sie haben ihm – mitunter recht freimütig – Red und Antwort gestanden. Da er Akteure aus verschiedenen Ländern und Lagern befragt hatte, konnte er sozusagen die Darstellungsspreu vom Informationsweizen trennen. Der Leser gewinnt den Eindruck, dass er den Dramatis Personae im Nachhinein über die Schulter schauen und nachvollziehen könne, was sie in ihren Köpfen und Herzen bewegt hat. Marsh präsentiert den Stoff so spannend, dass man das Buch nicht aus der Hand legen möchte.

Der Sache entsprechend rückt er das politische Ringen in das Zentrum seiner Betrachtung. Exemplarisch dafür ist das Ausscheiden Großbritanniens aus dem Europäischen Währungssystem (EWS) im September 1992. Die Deutsche Bundesbank versuchte, inflatorische Tendenzen nach dem Vereinigungsboom zu dämpfen, während Großbritannien und Frankreich mit einer lockeren Geldpolitik eine drohende Rezession bekämpfen wollten. Entsprechend groß war der Druck auf die Bundesbank, den geldpolitischen Kurs zu lockern. Als erkennbar war, dass sie dazu nicht bereit war, setzte eine massive Spekulation vor allem gegen das Pfund ein.

Eine Äußerung Helmut Schlesingers, des damaligen Bundesbankpräsidenten, die bloß den Tatbestand dieser Spannungen beschrieb, zwang schließlich die britische Regierung dazu, das Pfund aus dem EWS zu nehmen. Als in der sich daran anschließenden nächtlichen Unterhausdebatte Schatzkanzler Norman Lamont auf Schlesinger zu sprechen kam, hörte man bei Nennung dieses Namens geradezu einen Hammerschlag auf den Amboss niedergehen. Dabei erwies sich das Ausscheiden aus dem EWS als ein Befreiungsschlag. Lamont hat später die Haltung der Bundesbank gewürdigt, weil sie als Ankerwährung zuallererst zur Wahrung der Geldwertstabilität verpflichtet gewesen sei.

Diese Auseinandersetzung offenbart, dass es bei der Schaffung der gemeinsamen Währung um hohe Politik geht: Wer sitzt an dem für moderne Demokratien entscheidenden währungs- und beschäftigungspolitischen Hebel? Die Deutsche Bundesbank war sich dessen bewusst; sie setzte durch, dass die Europäische Zentralbank (EZB) als Nachfolgerin der Bundesbank die Währung hüten sollte. Das war ein Bruch in der französischen Tradition – die Geldpolitik ist zu wichtig, als dass man sie Technokraten überlassen darf –, aber anders war die Währungsunion nicht zu haben.  

Pointierte Urteile

Das politische Moment der Währungsunion blitzt immer wieder auf, so etwa wenn Marsh über die Nachfolge des jetzigen EZB-Präsidenten Trichet spekuliert. Auch sieht er in absehbarer Zeit die Briten nicht in der europäischen Währungsunion. Die erste Wette mit Helmut Kohl, der die Briten – getrieben von der Londoner City – schon nach kurzer Zeit an die Tür der Währungsunion klopfen sah, hat er gewonnen. Auch eine zweite Wette würde er wohl gewinnen. Wer über den Werdegang des Euro informiert sein möchte – gerade Kenner werden zu schätzen wissen, was Marsh vor ihnen ausbreitet –, muss dieses Buch gelesen haben. Und er wird seine Freude an pointierten Urteilen und Einsichten haben. Download article

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